„Meine Schwester war mir die Liebste. Sie nahm jetzt in einem Institut der Rue Cassette an Kursen für Gebrauchsgraphik teil, die ihr Spaß machten. Bei einem dieser Schulfeste sang sie in dem Kostüm einer Schäferin alte französische Lieder; ich fand sie einfach bezaubernd. Manchmal ging sie zu einer Abendeinladung, und wenn sie dann – blond, rosig, beseelt – in ihrem blauen Tüllkleid nach Hause kam, schien unser ganzes Zimmer heller zu werden. Wir besuchten gemeinsam Ausstellungen, den Herbstsalon, den Louvre; am Abend zeichnete sie in einem Atelier in Montmartre; oft holte ich sie dort ab, und wir wanderten durch Paris, während wir die Unterhaltung fortsetzten, die mit unserem ersten Stammeln ihren Anfang genommen hatte. Wenn über die Böschungen der Seine das Dunkel herabgesunken war, sprachen wir atemlos zueinander von unserer triumphalen Zukunft: meinen Büchern, ihren Bildern, unseren Reisen, der Welt.
Sie nahm an allen meinen Freundschaften, meinen Faibles und Besessenheiten teil. Abgesehen vielleicht von Jacques, hing ich an ihr am meisten. Sie stand mir zu nah, als dass sie mir zu leben hätte helfen können, aber ohne sie, so dachte ich, würde mein Dasein jeden Reiz verlieren. Wenn ich tragisch gestimmt war, sagte ich, wenn Jacques sterben würde, würde ich mir das Leben nehmen, verschwände jedoch sie, so würde ich nicht einmal nötig haben, mich erst umzubringen, um nicht mehr zu leben.“
Simone de Beauvoir (aus dem Ausstellungskatalog der Städtischen Galerie Erlangen anlässlich einer Ausstellung Hélène de Beauvoirs vom 16. Juni - 8. Juli 2007)


